
KUNSTMUSEUM BERN
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Bern, Februar 2003
MICHAEL von GRAFFENRIED - ZWISCHEN WELTEN
Bildpanoramas aus dem schmutzigen Bürgerkrieg Algeriens stossen provozierend auf das saubere Wohlstandsland Schweiz. Hier die alte, reiche Demoktratie mit ihren manchmal fragwürdig ausgelebten Freiheiten und dort der junge Traum von einer islamistischen Utopie.
"Damit das Andere als Verschiedenes wahrgenommen wird, wird ihm ein anderes Anderes gegenübergesetzt. Den grün umrandeten Aufnahmen aus Algerien die roten schweizerischen, der heimischen sicheren Welt die unsichereandere.
Dialektik ist ein probates Mittel. Susan Sonntag's Erkenntnis Das Objektiv ist der verlängerte Arm des Bewusstsein trifft hier durch den Clash zwischen verletzter und heiler Welt, zwischen Ausgesetztsein und Wohlstand, zwischen unmittelbarer Bedrohung Tag und Nacht und der nicht zur Schau gestellten Angst der Privilegierten, doppelt zu. Allerdings auch die Frage nach der Zukunft. Wer schätzt den Frieden mehr?"
Harald Szeemann
Der in Paris lebende Fotograf Michael von Graffenried, geb. 1957 in Bern, bewegt sich mit seinen Fotografien zwischen den verschiedensten Welten. Er geht mit seiner Kamera sowohl zu den bärtigen Islamisten im kriegsgeschüttelten Algerien als auch zu den friedlichen Natu-risten am Neuenburgersee oder zu den Bürgerkriegsopfern in Bab el-Oued und zu den täto-wierten Muskelmännern an der Zürcher "Streetparade". Die Gegensätze und Widersprüche in unserer Welt scheinen ihn magisch anzuziehen und lassen ihn zur Höchstform auflaufen. Er schafft es mit seiner Kamera Dinge und Verhältnisse sichtbar zu machen, die mit keinem Text zu beschreiben wären.
Graffenrieds Panorama-Fotos aus Algerien und der Schweiz, im Kunstmuseum Bern erst-mals gegenübergestellt, berichten aus dem "Innenleben" im Prinzip unzugänglicher Gruppen, Gegenden und Konflikten. Sie sind in den letzten Jahren zu seinem Markenzeichen, zu sei-nem Stil geworden. Dabei entstehen sie aus ganz unterschiedlichen Ansätzen. Die Swiss-panoramas werden nach klassischen bildgestalterischen Prinzipien, mit einem kritischen, manchmal ironischen Blick auf unser Wohlstandsland und einer professionellen Hasselblad-Kamera mit Panorama-Funktion realisiert. In Algerien dagegen herrscht ein ungenannter Krieg ohne Bilder. Journalisten und Fotografen gehören zu den privilegierten Zielen der isla-mistischen Terroristen. In Algerien ist die Arbeit mit einer Kamera ein riskantes Unterneh-men. Deshalb benutzt Graffenried dazu eine diskret einsetzbare 160°-Widelux-Panorama-Kamera mit einem von links nach rechts drehenden Objektiv. Die Bilder entstehen ohne durch den Sucher zu schauen, die Kamera bleibt bei der Aufnahme auf der Brust des Foto-grafen. Es gibt keine Bildkontrolle durch ein Okular, das aufzuzeichnende Bild wird mit Hilfe von zwei Pfeilen und einer Wasserwaage erahnt. Die meisten Algerienbilder hat Graffenried ohne die Zustimmung der Fotografierten aufgenommen. Seine Bilder hat er Anfang 2000, in einer viel beachteten Ausstellung in der Nationalbibliothek Algiers, in das Entstehungsland zurück gebracht, zu den vom ungenannten Bürgerkrieg direkt betroffenen Menschen.
In den letzten elf Jahren war Graffenried insgesamt dreissigmal in Algerien. Auf seinen letz-ten Reisen wurde er vom in der Schweiz lebenden, algerisch-stämmigen Filmemacher Mo-hammed Soudani begleitet. Der neunzigminütige Dokumentarfilm "GUERRE SANS IMAGES - Algerien, ich weiss, dass Du weisst", der den Fotografen bei seiner Arbeit und bei Begeg-nungen mit vor Jahren fotografierten Personen zeigt, läuft vom 4. bis 30. März im Kino im Kunstmuseum.
Die Ausstellung wird etwa 28 s/w-Panorama-Fotos im Format 280 x 120 cm umfassen. Die Fotos über Algerien werden auf grünem (Farbe des Islams), die Fotos über die Schweiz auf rotem (Farbe der Schweiz) Grund zu sehen sein.
Kuratoren: Matthias Frehner, Thomas Pfister
Zur Ausstellung Zwischen Welten erscheint ein auf 300 Exemplare limitierter Doppelkatalog, nummeriert und vom Künstler signiert, mit einem Text von Harald Szeemann. Preis Fr. 100.--.
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