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Reisender zwischen verschiedenen Welten

Fotoausstellung Bilder aus Algerien und der Schweiz von Michael von Graffenried im Kunstmuseum Bern

In «Zwischen Welten», Michael von Graffenrieds neuer Ausstellung, konfrontiert der renommierte Berner Fotograf mit grossformatigen Panoramafotografien algerische und schweizerische Momentaufnahmen.

Von Eva Buhrfeind
Die Dialektik als probate Wahrheitsfindung in einer - respektvollen - Konfrontation des Gegensätzlichen ist immer effektiv, um einen zum Beispiel gesellschaftlichen Zustand zu präzisieren. Erst recht, wenn dann noch die Kamera als "objektives" Medium soziokulturell wie politisch auseinanderklaffende Lebensformen dialektisch gegenübergestellt: Hier, an den - natürlich - roten Wänden die schweizerische Wohlstandsgesellschaft mit ihren tradierten Ritualen im Schutz einer freiheitlichen Demokratie. Dort, an den grünen Wänden, das seit einem Jahrzehnt von Bürgerkriegs- und Islamismus-Terror schwerst gebeutelte Algerien. Da wird aus einem künstlerischen Gewicht eine Strategie, die mittels dieser Diskrepanz die Tragödie in ihrer Totalität bestätigt und die heile Welt in ihrem Selbstverständnis irriterend auftreten lässt. Und so versteht Michael von Graffenried die Fotografie als «Projektionsfläche», als allegorisches Assoziationsfeld, auf dem der in Paris lebende Berner als Reisender zwischen verschiedenen Welten Wahrheit und Hintergründe gesellschaftlicher Verschiebungen ungeschönt dokumentiert.

Seit 1991 war er insgesamt 30-mal in Algerien. Dort hat er mit einer diskret einsetzbaren Widelux-Panorama-Kamera, einer Kamera, die vor der Brust mit einem von links nach rechts drehenden Objektiv und ohne Bildkontrolle das Terrain aufrollt, Menschen, Tatsachen, Schicksale, Schrecken und Traditionen des schon alltäglichen Terrors unmittelbar aufgezeichnet. Bilder, die er 2000 in Algier in einer vielbeachteten Ausstellung zeigen durfte. Bilder, deren Objektivität durch die spätere Bildauswahl wieder relativiert wird.

Den professionell gestalteten «Zufallsbildern» seiner Schweizer Heimat näherte sich von Graffenried mit einer Hasselblad-Kamera mit Panorama Funktion. Und auch sie erzeugen im Schwarzweiss einer dokumentarischen Ästetik und maximal vergrössert im Barytabzug eine Direktheit, die - auf eine untergründeige Dramatik konzentriert - den Betrachter mit diesem Kultur-Clash konfrontiert. Michael von Graffenrieds Wertung ergibt sich dabei, ob als Entsetzen vor der Tragödie, ob als ironische Kritik am heilen Helvetien, ganz aus der Gegenüberstellung: Wie ein Hohn erscheint der kindliche Nachwuchs des jurassischen Schiessvereins, der begeistert mit dem Sturmgewehr losmarschiert, während algerische Kinder Trümmer einer explodierten Autobombe wegräumen. Oder junge kiffende Schweizer auf einer Cannabis-Messe konterkarieren die algerischen Fussballerinnen , die als Alibiübung eines pseudoliberalen islamischen Staates doch nur dessen kulturelle Entwurzelung demonstrieren.

Da wirkt der Hedonismus an der «Art Basel» peinlich angesichts der jungen, tramatisierten Ouahiba, die als Einzige ihrer Familie einen Überfall überlebte. Und die rohe exhibitionistische Attitüde der Street Parade stösst gleichermassen ab wie die vermummten Ninjas, deren Antiterroreinsatz als schizophrene Gewaltverherrlichung fungiert. Allein die Nudistin vom Neuenburgersee wirkt im Umfeld der Berner Feuerwehrmänner, die der New Yorker Kollegen gedenken, und den Islamisten, die im Gebet für ihren vermeintlichen Wahlsieg danken, also in der assoziativen Verknüpfung westlicher Opfer und terroristischem Nährboden, wie ein irritierender Fremdkörper.