MICHAEL von GRAFFENRIED - ZWISCHEN WELTEN
VON HARALD SZEEMANN
(im Katalog zur Ausstellung) |
Irak, Palästina, Elfenbeinküste Tag für Tag,
Afghanistan, Tschetschenien, schon weniger; wenn Amerikaner, Franzosen, Israelis, Russen gefährdet oder Opfer sind, überbordet die Medienwelt, die weisse, die christliche, die jüdische. Sie haben das Unrecht und das Rechthaben für sich gepachtet. Die Hoffnung, dass sich nach dem Scheitern des Versuchs von in Realität umgesetzten Ideologien, Utopien lassen sich bekanntlich nicht in etwas anderes transformieren, weil dann werden sie zu Diktaturen, die Schleusen der Neugierde für die Randgebiete öffnen, wurde eher kulturell erfüllt. Zwar wurden auch ethnisch und religiös andere Länder im Rahmen der weitausgelegten "Human Rights" interesseträchtig als Teile der "Achse der Bösen" und damit der Terrorismusbekämpfung mit nachgeschobenen Militärbasen und Wirtschaftshilfe voller Nebenabsichten unterstützt, aber dort wo sich "andere" untereinander abmurksen, werden sie den postkolonialen inneren Wirren überlassen. Der Südosten Europas - multireligiös, mehrheitlich muslimisch - wurde "befriedet" weil er Bindeglied ist zu den Verbündeten der EU wie Griechenland, oder der NATO wie die Türkei. Seltsam vergessen sind jedoch die nordafrikanischen Staaten und da vor allem Algerien, seit dem Algerienkrieg bis zum heutigen Regime, das die islamistische Mehrheitspartei Wahlsiegerin - vom politischen Leben ausschloss und so Rache, Metzelei bis in die Dörfer und Stämme einprogrammiert hat. Kunst im westlichen Sinne kann da kaum Aufklärung und Hilfe bieten wie z.B. im emanzipierteren Balkan. Das geeignete Mittel zum Festhalten der Wunden, der Spannungen, der Tabus, des Betroffenseins, der Gewalt und Gegengewalt ist die Fotografie, die Reportage, weil sie die direkte, wenn auch selektive Abbildung der Realität ermöglicht, und nicht den Zustand der Realität des Abgebildeten und die Identität oder Nichtidentität von Abbildung und Abgebildetem sucht, es sei denn über das Mittel der Dialektik auch diese Ebenen anpeilt. Damit das "Andere" als Verschiedenes perzipiert wird, wird ihm ein "anderes Anderes" gegenübergesetzt: den grün umrandeten Aufnahmen aus Algerien, die roten schweizerischen, der heimischen sicheren Welt die unsichere "andere". Es ist diese Form der Präsentation, die Michael von Graffenried, dessen kecker Blick und forsches sich auf Situationen Einlassen uns schon oft überrascht und erfreut, gewählt hat in seiner Heimat. In Algier hat er nur die algerischen Aufnahmen gezeigt, im Film "Guerre sans images - Algerien, ich weiss, dass du weißt" (mit Mohammed Soudani, 2002) hat er die Personen, die er ohne deren Wissen fotografiert hat, aufgesucht um ihr Schicksal zu erkunden. Die algerischen und schweizerischen Fotografien werden in gleicher Grösse (2.80 x 1.20 Meter) gezeigt, obwohl sie jeweils anders entstanden sind: die schweizerischen als komponierte Panoramen, die algerischen als Shots aus Bauchhöhe, um nicht aufzufallen. Fotografieren ist dort nicht nur unerwünscht sondern gefährlich, lebensgefährlich. Beide Welten geben sich dem Betrachter auf Augenhöhe, werden also zu objektivierten Bildwelten ohne die Dramatisierung über diverse Blickpunkte, versuchen also den (Kunst-) Betrachter direkt ins Bildgeschehen einzubeziehen. Die Gegenüberstellungen erzählen parallele Geschichten, gleich sind sie nie, weder als Bild noch als Inhalt. Einige Beispiele: Aufruhr unterdrückter Demokratie und geselliges Beisammensein, idyllischer Nudismus im Freigehege und Verzweiflung hinter Gittern der Überlebenden einer hingemetzelten Familie, die die amnestierten Täter kennt und deshalb ihr Haus nicht mehr verlässt, stämmige Berner Feuerwehrmänner während einer Schweigeminute für ihre am 11. September umgekommenen Kollegen aus New York und die maskierten Spezialeinheiten zur Bekämpfung des Terrorismus, Tuareg-Frauen in Tracht und Dominikanerinnen beim Mittagsgebet mit zentralem Kruzifix, ihre und unsere Mörder, Kinderarbeit in Trümmern und unbeschwertes Soldatenspiel, die Arten des Händehochs, die Wüste und verschneites Dorf am Gotthard.
Wie erwähnt: Dialektik ist ein probates Mittel. Susan Sonntags Erkenntnis "Das Objektiv ist der verlängerte Arm des Bewusstseins" trifft hier durch den Clash zwischen verletzter und heiler Welt, zwischen Ausgesetztsein und Wohlstand, zwischen unmittelbarer Bedrohung Tag und Nacht und der nicht zur Schau gestellten Angst der Privilegierten, zwischen Flinte und Sektglas, zwischen Ritual und Ritual, zwischen Sein und Wunsch ("Gib uns unser Algerien zurück") doppelt zu.
Allerdings auch die Frage nach der Zukunft. Wer schätzt den Frieden mehr?
Harald Szeemann, Februar 2003
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