MvG Photo Biographie et presse


Michael von Graffenried ist nicht der beste der Schweizer Fotografen. Aber ihr bester Showmaster. Von Ralph Pöhner
Teure Parfümdüfte hängen im Kreuzgang des Klosters von Saint-Ursanne, zwei Fernsehteams filmen, Fotografen blitzen. Zwischen Schwarzweissbildern des Kantons Jura drängeln pastellfarbene Deuxpièces und kreative Stirnsträhnen – eine grosse Vernissage, jurassisch-locker begangen. Regierungspräsident Jean-François Roth hält die Festrede durch einen scheppernden Lautsprecher, während zu seinen Füssen ein schlaksiger Mann mit einem Kleinkind wuselt; es wird geraucht und parliert. Die wenigsten tun, als ginge die Feier sie etwas an, der Schlacks mit dem Kleinkind schon gar nicht. Er hat die Ausstellung im hintersten Landeswinkel zum Ereignis gemacht. «Michael von Graffenried, Jura, Bilder einer jungen Republik». Im Auftrag von Kunstverein Arts Vivants und Gebäudeversicherung porträtierte er den Kanton, jetzt werden seine Bilder in lyrischem Französisch gewürdigt. Aber der Gelobte hört nicht zu. Er federt durchs Klostergewölbe und klopft Schultern, nirgends stoppt sein Blick.

Showmaster

Das kann er, und wie: Erst einen Mordsrummel veranstalten, dann tun, als ob er daran unschuldig sei. Er ist der Showmaster der Fotografenzunft, listig hat er sich auf eine zwiespältige Position gehievt: Michael von Graffenried, 42, ist bei weitem der bekannteste Schweizer Fotograf, obwohl er nicht der beste ist. «Bei uns laufen täglich Bilder ein, die es mit seinen aufnehmen können», sagt der Fotochef der Agentur Reuters, Ruben Sprich. Aber um von Graffenrieds Fotografien ranken sich die Anekdoten dutzendfach, um die Bundeshaus-Hure, ums Polizeifoto des verhafteten Milliardärs Kashoggi, um die Algerienreportagen, die ihm den Ruf verschafften, ein Besonderer zu sein.Diesmal schlägt er alles. Zwei Ausstellungen eröffnet er in Saint-Ursanne, die Juraschau im Kloster und eine Darbietung seiner Algerienbilder in der alten Kalkfabrik. Präzis sechs Tage zuvor legte er ein Videoband vor, das ihn mit dem Unspunnenstein zeigt. Clever orchestriert präsentierten «Schweizer Illustrierte» und «Tagesschau» beziehungsweise «Illustré» und «Téléjournal», wie der hagere Kerl den Granitblock hochwürgte, irgendwo in einem belgischen Weinkeller. Die Reliquie, 1805 erstmals datiert, wichtigstes Sportgerät des Unspunnenfests, war am 3. Juni 1984 aus dem Touristikmuseum der Jungfrauregion verschwunden; jurassische Separatisten hatten den Brocken entführt.
«Wenn man mit einem Stein die Leute zu einer Ausstellung in den Jura locken kann», kommentiert von Graffenried seinen Fund, «dann ist es gut.» Er kennt die PR-Gesetze des Kulturbetriebs.
Einige Medien mutmassten prompt, der Videofilm zeige eine Fälschung – als ob die These nicht genauso verwegen wäre wie von Graffenrieds Räubergeschichte. Liess er etwa den Stein kopieren? Machte er sich damit von Zeugen abhängig? Riskiert er, enttarnt zu werden von jenen Béliers, die das Schicksal des Originalsteins kennen?
Logisch ist das nicht, bezeichnend umso mehr – bezeichnend dafür, was dem Selbstdarsteller zugetraut wird. «Er wäre im Stande dazu», meint einer, der ihn seit über einem Jahrzehnt kennt. Vergangenen Mittwoch konnte das Tele-24-Publikum sein Video nochmals begutachten, in «Talk täglich» spielte Interviewer Roger Schawinski stur den Ungläubigen, doch faktisch blieben seine Argumente auf dem Niveau von «das glaubst du ja selber nicht». Trotzdem – für fast alle Zuschauer, die am Schluss anriefen, war das Urteil klar: Betrug, Theater. Hektisch hatte von Graffenried gehaspelt, ein Luftibus, der nie offenlegt, was Ernst war, was Schalk.
Denn selbst seriös Gemeintes wirkt bei ihm ironisch gebrochen. Und die Zuschauer konnten nicht ahnen, was von Graffenried schon vor Jahren in seiner Heimatstadt Bern erzählt hatte: Er wisse, wo der Unspunnenstein ist. Als Radio Förderband 1989 in der Sache zu recherchieren begann, wiegelte er ab, die Zeit sei noch nicht reif. Dazu befragt, antwortet er jetzt: «Keine Ahnung, woher die Story kommt.» Er sei erst dieses Jahr beim Chansonfest von Saignelégier auf die Spur der Reliquie gestossen, basta.
Aber klar ist: Die Zeit war reif, das Timing perfekt. 17 Tage bevor der Fotograf mit dem Unspunnenkrimi an die Öffentlichkeit ging, war der Diebstahl verjährt; sechs Tage später steigt die Vernissage in Saint-Ursanne, werden von Graffenrieds erste Jura-Bildbände verkauft. Jean-François Roth steht daneben, leise lächelnd über die steinigen Wirren: «Hier im Jura ist das nur eine kleine Anekdote, mehr nicht», sagt er, «der Unspunnenstein hat niemanden gross bewegt. Warum sollte ihn jemand fälschen?»
Zum Beispiel, weil sich der Scoop so gut ausschlachten lässt. In Saint-Ursanne hängt die Aufnahme des Steins als neckische Sonderausstellung im «Musée lapidaire», daneben läuft das Video mit von Graffenried als Hauptakteur in Endlosschlaufe: Eine Show neben der Show. «Kein Fotoreporter», sagt Ruben Sprich, «vermarktet sich so gut wie er.» Seine Algerienbilder nahm von Graffenried mit einer diskreten Panoramakamera auf, ohne dass es die Menschen merkten. Was viele Fotografen gern vermeiden und ungern zugeben, machte er zum PR-Gag, den er in Interviews eifrig ausbreitet.Sein Ruf baut auf Respektlosigkeit, Tabuthemen hat er nie gescheut, ob Tod, Nacktheit, Krankheit, ob Geld und Gold der Schweizer. «Fotografien müssen provozieren», sagt er, doch tabulos handelt er auch mit seiner Ware. Als er 1998 bei einer Ausstellung in der Schweizer Botschaft von Paris mitwirken durfte, hängte er grossformatige Nudistenbilder in den Innenhof, was Botschafter von Tscharner kurz irritierte: Man erwarte hohe Gäste zur Eröffnung, von Graffenried solle doch, bitte schön, die Blüttler vorübergehend hochrollen. Der tats, um danach durch mehrere Zeitungsredaktionen zu hasten, wo er Fotos der mit Nackten behängten Botschaft verkaufte. Die Story – Zensur! – lieferte er mit.
Bei andern würde man Eitelkeit wittern, aber bei ihm? Er stellt sich ins selbst gebraute Blitzlichtgewitter und achtet nicht drauf. Solid das Schuhwerk, verbeult die Jeans, praktisch die Brillenbändel, eilt er umher wie ein umtriebiger Kleingewerbler. «Natürlich verkaufe ich meine Fotos, das ist mein Beruf», sagt er. «Dies zu kritisieren, ist billig.»
Sein Geschäftssinn ist branchenbekannt, seit er 1989 das Polizeibild mit dem verhafteten Waffenhändler und Milliardär Adnan Kashoggi verkaufen wollte und den Preis international hochtrieb. Das Foto, sagte er, habe ihm ein Unbekannter in den Briefkasten gelegt; eine Flunkerei, selbstverständlich, denn er musste die wahre Quelle schützen, logisch. Doch ihm, der hier nur Mittelsmann war, wurde die Sache übel genommen, das alte Vorurteil hatte neue Nahrung: von Graffenried, das Schlitzohr.
Der Ruf, ein Fälscher zu sein, haftet ihm seit dem ersten Skandälchen an. Seine Aufnahme einer Hure vor dem Bundeshaus sorgte im verschnarchten Bern des Jahres 1981 für Erregung: So etwas! Da zeigte der Sohn eines bekannten Patriziers Berns Schmuddel. Zugleich munkelte jeder im Ort, dass auf dem Bundesplatz keine Prostituierten warten, das Bild also hingekünstelt sein musste.
Achselzuckend nimmt er solche Vorwürfe zur Kenntnis. «Ich arbeite dokumentarisch», sagt von Graffenried, «und zeige die Wahrheit.» Dann erzählt er selbst ein Beispiel, bei dem ihm andere Fotografen eine Inszenierung unterstellten. Das Spiel mit seiner schillernden Rolle geniesst er, an der Algerienausstellung in der Kalkfabrik nutzt er die Gelegenheit. Er hält ein kleines Unspunnensteinchen in die Luft – «voilà!» – und ruft den Gästen zu: «Ich bin kein Fälscher.»
Dass er mit solch lauten Auftritten viele Berufskollegen nervt, weiss er selbst. Eifrig verletzt er eine stille Standesregel, die da lautet: Der Fotograf kommt nie aufs Bild. Ihm doch Wurst. Seit acht Jahren wohnt er in Paris und hetzt von dort zu jenen Brennpunkten der Welt, wo ihm keine andern Fotografen begegnen: «Ich muss alleine arbeiten, kann nicht anders.» Ein Einzelgänger, frech und frei.
In seinem Buch «Bundeshaus-Fotografien» präsentierte er Parlamentarier, die in der Nase bohren; in der «Berner Zeitung» bot er schlafende, gähnende Nationalräte feil – auf Bildern, die jeder Bundeshaus-Fotograf im Archiv hat, aber keiner publiziert, der Bundeshaus-Fotograf bleiben will. Bei der Vereidigung von Elisabeth Kopp als Bundesrätin stellte er sich auf einen Präsidiumssitz und blitzte in den Akt, als seis ein Kindergeburtstag. Respekt vor Autoritäten geht ihm ab. «Das habe ich zu Hause gelernt», sagt er, und man glaubt ihm sofort. In Bern muss es schwierig sein, Respekt vor der Obrigkeit zu entwickeln, wenn man die graue Eminenz zum Vater hat. Michael von Graffenried, Sohn des Bankiers Charles von Graffenried, des Treuhänders, Verlegers, Patriziers, hat so manches vom Vater geerbt, die hagere Figur, den harten Geschäftssinn, die vergnügte Durchschlagskraft – und doch: Er legte es da-rauf an auszuscheren. «Ich wollte nie nur der Sohn sein, das gab mir die Kraft.
Andere hätten aufgegeben und einen Bürojob angenommen.» Still steht Charles von Graffenried am Rand der Feiern in Saint-Ursanne. Wer «dä vo disem» ist, wie man in Bern sagt, wer Sohn eines berühmten Vaters, wer Vater des berühmten Sohnes, scheint plötzlich unklar. Die Show hat sich gelohnt.