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DAS SCHNELLE ENDE AUF DEN BILDERN VOM GEWOHNTEN STRASSENBILD DER LIEBLICHEN HEIMATSTADT BERN


Buchbesprechung "Cocaine Love" von Michael von Graffenried erschienen beim Benteli Verlag, Wabern-Bern 2005 in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 04.03.2005, Nr. 53/Seite 41

Autor apl (Andreas Platthaus, stellvertretender Feuilletonchef)

Im extremen Querformat einer Doppelseite kann man den Blick nicht verengen. Deshalb hat der Schweizer Fotograf Michael von Graffenried diese Präsentation gewählt, um eine Geschichte zu erzählen, die sich tausendfach mitten in den großen Städten am Rande der Gesellschaft abspielt. Der zweiundvierzigjährige Graffenried hat ein junges drogenabhängiges Paar in seiner Heimatstadt Bern durch dessen Alltag begleitet: Mit dem Warten auf neues Kokain beginnt es, mit Zuchthaus für den Mann und Straßenstrich für die Frau endet es. Dazwischen liegt ein rundes Jahr, in dem nicht nur das Paar, sondern auch der Fotograf bis an die Grenzen gegangen ist - und nicht selten auch darüber hinaus.


Graffenried ist in seinem Metier nicht unumstritten. Seine Reportageserien, unter anderem aus Algerien oder zuletzt eine große Plakataktion zur Drogensucht, die in mehreren Schweizer Städten ausgehängt wurde, setzen zuverlässig auf den Schock ihrer Gegenstände. Doch der Fotograf nimmt sich Zeit für seine Projekte. Im Juni 2003 hatte er den jungen Fixer Peter kennengelernt, der seine Drogensucht durch Dealen finanziert. Über die eigenen Motive bei der Wahl des Themas seiner neuesten Arbeit legt Graffenried im Buch keine Rechenschaft ab, doch es gelang ihm, nicht nur das Vertrauen von Peter, sondern auch von dessen Freundin Astrid zu bekommen. Das ging so weit, daß er selbst im Waldversteck fotografieren konnte, wo sich Peter vor der Polizei verbarg, und auch bei der späteren Festnahme, als es Graffenried gelang, mit der Kamera bis in jenes Zimmer zu kommen, wo Peter erkennungsdienstlich erfaßt wurde. Die moralische Facette der Geschichte wie auch seiner eigenen Tätigkeit interessiert den Fotografen erkennbar nicht.

Daraus zieht sein Reportageband, der zu jedem der chronologisch angeordneten Bilder nur eine lapidare Beschreibung in vier Sprachen enthält, gerade den Reiz: Auf bestem Papier und in brillantem Druck wird die dunkle Seite von Bern präsentiert - Plätze, wo Astrid und Peter wieder und wieder nach verwendbaren Venen für ihre Drogeninjektionen suchen und dennoch das Leben um sie herum einfach weiter pulsiert. Ein selbstverständliches Bild für die Berner, nicht selbstverständlich für die Süchtigen: "Astrid setzt sich vor einem Schuhgeschäft einen Schuß", heißt es einmal. "Als eine Mutter mit ihrem Kind dazukommt, schreit sie auf." Erwartet hätte man, daß die Mutter schreit.

Graffenried bedient mit seinem Projekt zweifellos voyeuristische Interessen, aber welcher Fotoreporter täte das nicht. Was sein Buch auszeichnet, ist das konsequente Prinzip einer Bildgeschichte, die er mit seinen Fotos erzählt. Er tut das in äußerster formaler Strenge und inhaltlicher Knappheit und setzt damit der Vergeudung von Leben, die er dokumentiert, eine ästhetische Disziplinierung entgegen. Damit steht er in einer Tradition seines Berufs, die nach einem Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit in den letzten Jahren wie abgebrochen schien - weil sich kaum noch ein Magazin den Luxus großer Fotoreportagen leistet. Nun kehren sie als Bücher zurück, und selbst deren Preis ist ein Witz gegenüber den Kosten eines Daseins, das täglich zwanzig Drogencocktails benötigt, um zu sich zu finden.
apl

Michael von Graffenried: "Cocaine Love". Benteli Verlag, Wabern-Bern 2005. 96 S., 53 Abb., geb., 26,80 [Euro].