
WO DIE ZUKUNFT ABHANDEN GEKOMMEN IST
MICHAEL von GRAFFENRIED IM KUNSTMUSEUM BERN
Caroline Kesser im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung vom 7. Mai 2003,
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Achtundzwanzig wandfüllende Panoramafotos in Schwarzweiss, die einen auf rotem, die anderen auf grünem Grund. Rot steht für die Schweiz, Grün für Algerien. Die Ankündigung macht skeptisch. Zumal die Ausstellung mit dem Titel «Zwischen Welten» ein Kontrastprogramm verspricht: das Wohlstandsland Schweiz contra das von der Weltöffentlichkeit vergessene, in einem Bürgerkrieg zerrissene Algerien. Das könnte peinlich werden. Doch es funktioniert. Die beiden Kontrastfarben markieren Unterschiede, treten aber nicht als polare Gegensätze auf - so wenig wie die Bilder selbst, die den plakativen Antagonismus vermeiden. Michael von Graffenried bezieht Stellung, ohne zu denunzieren, und bewegt mit seinen Photographien gerade deshalb, weil sie immer etwas offen lassen.
Mit dem Buch «Swiss Image» (1989) hat sich von Graffenried, 1957 in Bern geboren, als ironisch-kritischer Kommentator des helvetischen Alltags einen Namen gemacht. Seitdem er in Paris lebt, nunmehr zwölf Jahre, steht nicht mehr die Schweiz, sondern Algerien im Zentrum seines Blickfelds. Über dreissigmal war er inzwischen dort. Es fing mit einer Einladung der Schweizer Botschaft an, die zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft Kultur aus der Heimat importieren wollte. Statt seine Bilder im geschützten Diplomatenkreis zu präsentieren, stellte von Graffenried einen Workshop mit algerischen Photographen auf die Beine und kam nicht mehr los von diesem Land, das er in Aufbruchsstimmung vorfand und in dem er zusehen musste, wie es in einer Gewaltspirale zerrüttet wurde, aufgerieben zwischen dem Terror der um ihren Wahlsieg gebrachten Islamisten und einer unbarmherzig zurückschlagenden Staatsgewalt. Der Schweizer Photograph konnte sich bald nur noch in Begleitung von Polizisten bewegen, die ihm - vielmehr dem «aufgeklärten» Ausland - gerne vorführen, wie erfolgreich sie den Terrorismus bekämpfen. Dass die Razzia in einem Kaffeehaus, die er 1995 photographierte, nur seinetwegen durchgeführt wurde, realisierte er mit Grauen.
Gestohlen und zurückgebracht
In «Zwischen Welten» stellt von Graffenried eine Auswahl der Bilder, die er im Jahr 2000 unter dem Titel «Algérie, photographies d'une guerre sans images» in der Nationalbibliothek in Algier zeigte, Bildern aus seinem Projekt «Swisspanorama» gegenüber. Dieses entstand zwischen 2001 und 2002 und erschien in Form einer wöchentlichen Fotokolumne in «Le Temps» und der «Weltwoche». So unterschiedlich wie die Welten, die seine Bilder erschliessen, sind auch die Bedingungen, unter denen sie aufgenommen wurden. Das in der Schweiz hochgehaltene Prinzip, nur im Einverständnis der Anvisierten abzudrücken, gab von Graffenried in Algerien auf, und er griff zu einer 160°-Widelux-Panoramakamera mit einem von links nach rechts fahrenden Objektiv, die er umgehängt lassen kann, um gleichsam aus der Hüfte heraus zu schiessen. Sonst wäre er in dieser traditionell bilderfeindlichen, in einem Klima von Angst und Misstrauen noch besonders fotophoben Gesellschaft kaum zu einer Aufnahme gekommen.
Michael von Graffenried hat die «gestohlenen» Bilder an die Orte des Geschehens zurückgebracht. Mit dem aus Algerien stammenden Filmer Mohammed Soudani reiste er den Protagonisten seiner Aufnahmen nach und zeigte denen, die er auffinden konnte, den zur Ausstellung in Algier erschienenen Katalog. Einige freuten sich leise darüber, für andere war es mindestes ein Anlass, ihre Geschichte zu erzählen, während Dritte abwinkten oder den Photographen gar beschimpften. Die härteste Kritik kam indes nicht von lichtscheuen Fundamentalisten, sondern von einer emanzipierten Frau. Sie wirft von Graffenried vor, ein einseitiges, rückständiges Algerienbild zu vermarkten.
Unterdrückung und Bewegung
Soudanis Film «Guerre sans images - Algerien, ich weiss, dass du weisst» dokumentiert nicht allein die Reaktionen auf den Bilderraub und die Kritik, der sich von Graffenried bewusst aussetzt, sondern auch die Angst, Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit, die dahinter stehen. Zu ihren Aussichten befragt, sind sich die Jugendlichen einig: Ihnen ist die Zukunft abhanden gekommen. Von Graffenrieds Algerienbilder entkräften diesen deprimierenden Befund kaum, lassen neben Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung aber auch immer wieder Hoffnungsfunken aufscheinen, und sei es in einem Blick, einer Geste. Die selbstbewussten Fussballerinnen im olympischen Stadion (Algerien ist das einzige arabische Land, das Frauen das Fussballspiel erlaubt), auch sie scheinen dafür einzustehen, dass sich etwas bewegt.
Die Bilder aus der Schweiz, mit einer Hasselblad-Kamera mit Panoramafunktion aufgenommen, sollen komponiert, die in Algerien entstandenen Schnappschüsse sein. Bezeichnenderweise fällt dies nicht auf, die Handschrift ist immer dieselbe. In beiden Serien wechselt das Prinzip der Reihung mit dem präzisen Ausschnitt ab, in beiden sind geradezu klassische Kompositionen gelungen. Weil in der Gegenüberstellung inhaltliche und formale Bezüge spielen, kommt es in dieser Ausstellung nie zum platten Vergleich. Am fruchtbarsten wird die Konfrontation, wenn bei grössten Unterschieden Berührungspunkte offensichtlich werden. Wie in der Gegenüberstellung der zwölfjährigen Buben aus dem Kanton Jura, die mit dem Sturmgewehr im Arm munter zu Schiessübungen anrücken, und der algerischen Kinder, die in einem zerbombten Quartier mit gleichem Eifer Trümmer aus dem Weg schaffen - ein so gültiges wie aktuelles Bildpaar.
Caroline Kesser
Michael von Graffenried. Zwischen Welten. Kunstmuseum Bern. Bis 22. Juni. Portfolio-Katalog-Edition mit «Swisspanorama» und «Algerien, Photographien eines Krieges ohne Bilder» sFr. 100.-. Der Film «Guerre sans images - Algerien, ich weiss, dass du weisst» wird im Mai jeden Dienstag um 20 Uhr gezeigt. |
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